Im Gespräch: Frank Schwarzkopf und Dr. Olivia Kummel "Kleinstadt_gestalten"
Das Projekt "Kleinstadt_gestalten" hat darauf hingearbeitet, das zivilgesellschaftliche Engagement in der vom demographischen Wandel geprägten Oberlausitzer Kleinstadt Weißwasser stärker zu aktivieren und eine Kultur der Anerkennung zu schaffen.

Nun wirken fünf verstetigte Bürgerprojekte nach Projektende als Impulsgeber für eine ermöglichende, ko-kreative Kleinstadt. Die Erfahrungen und Instrumente aus Weißwasser sollen auch anderen Kommunen helfen, Bürgerprojekte erfolgreich zu initiieren.

Frank Schwarzkopf ist Vorsitzender des Stadtvereins Weißwasser e.V. war Initiator und Koordinator des Projekts. Gemeinsam mit Dr. Olivia Kummel, Stadtforscherin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) reflektieren sie zum Abschluss des Projekts die Herausforderungen, um neue Bevölkerungsgruppen für die gemeinsame Entwicklung einer ostdeutschen Kleinstadt zu gewinnen.

Ihre Erkenntnisse und Instrumente haben Sie zudem in ihrer Handreichung „Logbuch Kleinstadt gestalten“ ausführlich zusammengefasst, das unter » www.ort-schafft.eu (Projektverlauf) frei verfügbar ist.

 

Herr Schwarzkopf, Frau Dr. Kummel: Welche Herausforderungen stellen sich dabei, ehrenamtliches Engagement in einer vom demografischen Wandel geprägten Kleinstadt zu aktivieren?

Frank Schwarzkopf - Stadtverein Weißwasser: In Kleinstädten sind oft sämtliche Ressourcen, vor allem die personellen, stark begrenzt und ehrenamtlich Engagierte daher sehr willkommen. Dabei kann man zwischen zwei Formen des ehrenamtlichen Engagements unterscheiden: Das verbindliche und meist auf Dauer angelegte ehrenamtliche Engagement unterscheidet sich von einem temporär ausgerichteten zivilgesellschaftlichen Engagement, welches sich erst entwickelt. Ersteres hat feste Rahmenbedingungen, das zweite ist freier und offener. Das Problem ist, dass diejenigen, die bereits zivilgesellschaftlich aktiv sind, auch vielfach bereits überlastet sind. Andere, die sich bisher noch nicht engagieren hält häufig die Vermutung ab, dass sie mit dem eigenen Engagement eine Lücke füllen, die eigentlich eine feste staatliche Aufgabe wäre.

Dr. Olivia Kummel - ILS: Ja. In Weißwasser kommt dazu, dass durch den demografischen Wandel vor allem die Bevölkerungsgruppe zwischen 20-35 Jahren kaum in der Stadtgesellschaft präsent ist. Infolgedessen steht dieses Potenzial kaum zur Verfügung. Die Herausforderung des Projekts lag im Wesentlichen darin, jüngere Bevölkerungsgruppen für ein Engagement zu begeistern und mit Ihrem Einsatz vor allem freiwillige Aufgaben der Daseinsvorsorge teilweise abzudecken. Denn vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltskassen und unterbesetzten Kommunalverwaltungen wird es zunehmend schwieriger, diese Daseinsvorsorgeleistungen umfangreich anzubieten.

Welche Lösungsansätze hat "Kleinstadt_gestalten" hierfür entwickelt, die auch in anderen Kommunen wirkungsvoll eingesetzt werden können?

Schwarzkopf: Als wesentlicher Erfolgsfaktor sehen wir das kooperative Miteinander unterschiedlicher Akteure, ohne dass in die Identität des einzelnen Engagements eingegriffen wird. Für Kleinstädte wie Weißwasser stellt die Methode von „innovativen Reallaboren“ eine geeignete Form dar, sich auszuprobieren. Vor allem engagierte Einzelkämpfer finden in dem Miteinander von Netzwerktreffen und Anlaufstelle eine Unterstützung und ständige Motivation, ihr Projekt weiter zu verfolgen. Wir haben in einem „Logbuch“ die wesentlichen Lösungsansätze unseres Projektes festgehalten.

Kummel: Konkret haben wir damit einen Werkzeugkoffer entwickelt und erprobt, der es den Engagierten in anderen Kommunen mit ähnlichen Rahmenbedingungen wie Weißwasser erlaubt, Bürgerprojekte zu initiieren: Eine „Summer School“ diente als Ideenschmiede, um Projektideen zu entwickeln und zu schärfen. Bei der Umsetzung der Projekte kam ein Kleinprojektefond zum Tragen, der Aktionen und Veranstaltungen mit wenigen finanziellen Mitteln ermöglichte. Eine Anlaufstelle für Engagierte unterstützte mit Know-how und vernetzte die Engagierten miteinander. Als weiteres Werkzeug zur Anerkennung der Leistungen der Engagierten diente die Werkschau der Bürgerprojekte in Form einer Bürgerausstellung. Dieses Format bot gleichzeitig die Möglichkeit, weitere potenzielle Engagierte zu aktivieren.

Schwerpunkt der Beschäftigung waren die drei Zielgruppen: Jugendliche, junge Frauen und Rückkehrer/Zuziehende - warum wurden diese Zielgruppen ausgewählt und wie lassen sich diese erreichen?

Schwarzkopf: Das Projekt war unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Situation vor allem zukunftsorientiert ausgerichtet. Die drei gewählten Zielgruppen sind entscheidend dafür, dass das derzeit beachtliche Potenzial zivilgesellschaftlichen Engagements in Weißwasser durch den bevorstehenden Generationswechsel stabil bleibt. Dafür kommt jetzt vor allem drauf an, Menschen, die bisher nicht oder nur in geringem Maße engagiert waren, zu motivieren. Sie sollen begeistert und unterstützt werden, gemeinwohlorientierte Aufgaben mit zu übernehmen, die ihren jeweiligen Bedarfen entsprechen. Mittel- und langfristig können vor allem diese jungen Bevölkerungsgruppen gewährleisten, dass freiwillige Angebote der Daseinsvorsorge weiterhin bestehen können.

Kummel: Zudem haben wir diese drei Zielgruppen ausgewählt, da sie im zivilgesellschaftlichen Engagementfeld in Weißwasser kaum sichtbar sind. Sie haben sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Stadt, spezifische Bedürfnisse aber gleichzeitig ein starkes Engagementpotenzial und können neue Entwicklungsimpulse für die Stadt setzen. Für eine erfolgreiche Ansprache dieser neuen Gruppen war es erforderlichen, einen neuen Stil zu finden: So wurde eine eher unkonventionelle Guerilla-Taktik genutzt und zielgruppenspezifische Sprüche an gut frequentierten Orten in der Stadt platziert, um Neugier und Begeisterung zu wecken. Bei der Ideenfindung zu den Bürgerprojekten wurde eine aktivierende Form im Sinne des Miteinanders und Einbeziehens gewählt.

Wie geht es nach dem Ende des Projekts weiter: Welche Maßnahmen werden verfolgt, um die neu geschaffenen Strukturen dauerhaft in der Modellkommune Weißwasser zu verstetigen?

Kummel: Mit der Verstetigung der Bürgerprojekte wurde bereits nach der Halbzeitkonferenz begonnen. Es sollten weitere Mitstreiter gefunden werden, um die Verantwortung und die zeitliche Verfügbarkeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Nach Ende unseres Projekts unterstützt weiterhin eine ständige Anlaufstelle die Engagierten und bietet Ressourcen wie Räumlichkeiten und Equipment an, so dass die Bürgerprojekte weiterlaufen können. Im Sinne der ko-kreativen Stadt ist es unabdingbar, dass solche Anlaufstellen und Kommunen zusammenarbeiten, um Engagement zu ermöglichen.

Schwarzkopf: Genau. Die neu geschaffenen Strukturen wurden nicht von oben aufgesetzt, sondern entwickelten sich während der Projektlaufphase unter Anleitung sowie mit Unterstützung des Projektteams, welches beim Stadtverein Weißwasser e.V. angesiedelt war. Daher übt der Verein auch weiterhin die Funktion als Koordinations- und Anlaufstelle aus. An einigen Standorten des Stadtvereins oder seiner Mitglieder, wie der Vereinspavillon oder das Soziokulturelle Zentrum, bieten wir bei Bedarf erforderliche Ressourcen an. Neben räumlichen und sächlichen gehören dazu auch qualifizierte Beratung, Netzwerkbildungsunterstützung und die Möglichkeit, die unter » www.ort-schafft.eu geschaffene Kommunikationsplattform dauerhaft zu nutzen.

 

 

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