Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten fachübergreifend ausbauen

Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten prägen die Attraktivität einer Region. Insbesondere für Regionen mit Bevölkerungsrückgang ist es daher von besonderer Bedeutung, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten zu erhalten und auszubauen.
„Kommunen innovativ“ zeigt die vielfältigen Handlungsmöglichkeiten auf, die Kommunen und Regionen – fachübergreifend im Schulterschluss mit der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft – haben, um Beschäftigungspotenziale zu erschließen und damit Städte und Gemeinden zukunftsfähig zu gestalten.

Der deutsche Arbeitsmarkt war in den letzten Jahren durch verschiedene Trends gekennzeichnet: Die Erwerbstätigkeit und Erwerbstätigenquote steigen, die jeweilige Arbeitszeit nimmt ab, der Anteil der Arbeitsverhältnisse im Dienstleistungsbereich und von Höherqualifizierten nimmt zu. Zugleich wächst der Niedriglohnbereich. Zusätzlich beeinflussen der demografische Wandel und die Zuwanderung aus dem Ausland, aber auch die Binnenwanderung den lokalen und regionalen Arbeitsmarkt und das Erwerbspotenzial erheblich. Eine langfristig prognostizierte Bevölkerungsabnahme und vor allem die Alterung der Gesellschaft äußern sich im bereits heute spürbaren Fachkräftemangel. Zugleich gilt es, Zuwandernde trotz fehlender Sprachkenntnisse bei gleichzeitig hohem Bildungspotenzial in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Weitere, noch nicht vollständig absehbare Herausforderungen entstehen durch die Wirtschaftskrise infolge der Corona-Pandemie.

Die regionale Situation auf dem Arbeitsmarkt und überregional bedeutende Bildungseinrichtungen beeinflussen die Binnenwanderung und somit die regionale Bevölkerungsentwicklung und -alterung. So verzeichnen Ballungsräume mit großen regionalen Arbeits- und Ausbildungsmärkten derzeit eine Zunahme der Bevölkerung bzw. geringere Rückgänge der jüngeren Bevölkerung, während Kreise mit unzureichenden Arbeits- und Ausbildungsmärkten Abnahmen registrieren – vor allem ländlich geprägte Kreise mit niedriger Bevölkerungsdichte, aber auch Regionen mit wirtschaftlicher Strukturschwäche. Dies zeigt zum einen, dass sich der demografische Wandel regional sehr unterschiedlich auswirkt und vom nationalen Trend abweichen kann, zum anderen, dass die Bedingungen der regionalen Arbeitsmärkte eine wichtige Bedeutung für die Gewährleistung gleichwertiger Lebensverhältnisse haben.

Mögliche Lösungsansätze, vorhandene Beschäftigungspotenziale besser zu erschließen, sind so vielfältig wie die auftretenden Herausforderungen: Verbesserungen und Erleichterungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein Ausbau von Betreuungsplätzen können die Erwerbstätigkeit insbesondere von Frauen steigern. Eine Verbesserung der Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss kann sozial benachteiligten Gruppen eine bessere Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglichen. Und eine Willkommenskultur mit Angeboten zum Spracherwerb und Informationsportalen kann Zuwandernde besser und qualifizierter in den Arbeitsmarkt integrieren. Dabei spielt die Rahmensetzung durch die bundesweite Arbeitsmarktpolitik eine wichtige Rolle, aber auch auf kommunaler und regionaler Ebene gibt es vielfältige Ansätze, Beschäftigungspotenziale zu erschließen.

Dieser Herausforderung nahm sich „Kommunen innovativ“ an: Durch die Fördermaßnahme wurden in regionaler Kooperation Formate und Aktivitäten entwickelt, um junge Menschen über Praktika an den regionalen Arbeitsmarkt heranzuführen, ihre Bindung zur Heimatregion zu stärken und ihre soziale Mobilität zu verbessern. Im Schulterschluss zwischen Wirtschaftsförderung, Regionalentwicklung und Integrationseinrichtungen wurden Migrant*innen im ländlichen Raum durch Netzwerke und niedrigschwellige, proaktive Beratungsangebote bei einer eigenen Unternehmensgründung unterstützt, um Arbeitsplätze zu schaffen, die regionalwirtschaftliche Entwicklung zu stärken und zur Integration Zugewanderter beizutragen. In anderer Hinsicht wurden Konzepte erarbeitet, wie Unternehmen bei der Suche nach Betriebsnachfolger*innen unterstützt werden können und Nachnutzungskonzepte dazu führen, dass Gewerbeflächen nicht brachfallen, sondern weiter regionale Wertschöpfung ermöglichen.

„Kommunen innovativ“ zeigt damit beispielhaft auf, dass Kommunen und Regionen fachübergreifend gemeinsam mit der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft und nicht zuletzt unterstützt durch die Wissenschaft, vielfältige Handlungsmöglichkeiten haben, Beschäftigungspotenziale zu erschließen und damit zur Zukunftsfähigkeit von Städten und Gemeinden beizutragen.

Ergebnisse & Lösungen

Frühwarnsystem zur Vermeidung von Gewerbeleerstand
Behrendt, Dieter / Riepe, Matthias (2020)

Trotz sinkender Flächenneuinanspruchnahme für Siedlungs- und Verkehrszwecke ist das Ziel der Bundesregierung von unter 30 Hektar am Tag im Jahr 2030 noch weit entfernt. Neue flächensparende Instrumente der Siedlungsentwicklung sind daher weiterhin notwendig. Eine Möglichkeit ist es, das Flächenpotenzial zu nutzen, das entsteht, wenn Gewerbeunternehmen aus Altersgründen keine Nachfolge finden und schließen müssen.

Im Landkreis Osnabrück wurde hierfür ein innovativer Ansatz entwickelt: Unternehmen mit Nachfolgerproblemen werden zunächst bei der Suche beraten, um die Fläche in bisheriger Form weiter zu nutzen. Findet sich dennoch kein Nachfolger, soll die Immobilie an andere Unternehmen vermittelt werden - und dies zu einem so frühen Zeitpunkt, dass keine Verwahrlosung des Geländes und der Gebäude und damit kein Verfall von Werten stattfinden. Der entwickelte Ansatz hierfür ist ein „Frühwarnsystem“ für die Wirtschaftsförderung, das die Wahrscheinlichkeit eines Brachfallens von Betriebsflächen zu einem Zeitpunkt abschätzt, in dem das Unternehmen noch besteht. Flankiert wird das System durch ein Brachflächenkataster, einer Sensibilisierung von Flächenakteuren und Nachnutzungskonzepte für betroffene Flächen.

Durch das entwickelte Vorgehen konnten im Landkreis Osnabrück frühzeitig zahlreiche Eigentümer von (potenziellen) Brachflächen kontaktiert werden, die entweder bei der Nachfolgesuche oder bei einer anderweitigen Verwertung der Fläche beraten wurden und werden. Zugleich konnten Anfragen von Unternehmen bedient werden, für die ansonsten keine passende Fläche zur Verfügung gestanden hätte. Der Ansatz ist auf alle Kommunen und Kreise übertragbar.

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Proaktiv und niedrigschwellig
Kaschlik, Anke / Yildiz, Julia (2020)

Als ein wesentliches Manko der Beratungsmöglichkeiten für (migrantische) Gründungsinteressierte hat sich in den untersuchten Landkreisen herausgestellt, dass es keine ausreichenden proaktiven Beratungsangebote oder Beratungsangebote für die Vorgründungsphase gibt. Zudem sind die vorhandenen Angebote weder bei Gründungswilligen noch bei Einrichtungen der Integrationsförderung oder den Migrant*innenorganisationen bekannt; entsprechend werden sie nicht genutzt und wertvolle Potenziale gehen verloren.

Um dem zu begegnen, wurde im Projekt MIGOEK sowohl eine Informationsbroschüre als auch ein Konzept für eine niedrigschwellige Informations- und Vernetzungsveranstaltung erarbeitet. Die Informationsbroschüren wurden vor allem über Einrichtungen der Integrationsförderung an Gründungswillige weitergegeben und an den Stellen platziert, wo sich die Zielgruppe trifft und austauscht. Die Informationsveranstaltungen wurden z.T. gemeinsam mit Gründungsberater*innen der Wirtschaftsförderungen dezentral in den beteiligten Landkreisen durchgeführt und evaluiert.

Mit Hilfe dieser Veranstaltungen konnte ein niedrigschwelliges Forum für Gründungsideen eröffnet werden. Gründer*innen suchten im Anschluss z.T. Beratungsstellen auf und vernetzten sich untereinander. Mit relativ geringem Aufwand könnten ähnliche Veranstaltungen auch andernorts durchgeführt werden, um ein gründungsfreundliches Klima und die Strukturen in der Region den Bedarfen anzupassen. Notwendig dafür ist die Bereitschaft der Wirtschaftsförderung und/oder weiterer Organisationen (HWK, IHK etc.) zur Mitarbeit.

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Behrendt, Dieter / Riepe, Matthias (2020)

Der Leitfaden zeigt auf, wie das Flächenpotenzial, das entsteht, wenn Gewerbeunternehmen aus Altersgründen keine Nachfolge finden und schließen müssen, genutzt werden kann, um damit zu einem nachhaltigen Flächenmanagement beizutragen.

Er stellt die notwendigen Arbeitsschritte vom Aufbau eines "Frühwarnsystems Unternehmensnachfolge" über die Erstellung eines Brachflächenkatasters und die Sensibilisierung von Flächenakteuren bis zur Erarbeitung von Nachnutzungskonzepten für betroffene Flächen dar. Spezifische Tools, wie eine Erhebungs- und Bewertungstabelle für Brachflächen sowie Scoring- und Bewertungshilfen, richten sich dabei speziell an Praktiker aus den Bereichen Stadtplanung und Wirtschaftsförderung.

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Herausforderungen der Vernetzung neuer Partner
Lahner, Jörg / Metz, Sarah (2020)

Neue Netzwerke schaffen Verbindungen zwischen migrantischen Gründungsinteressierten und Beratungseinrichtungen der Wirtschaftsförderung. Bislang gab es kaum Kontakte zwischen Integrationseinrichtungen, Migrant*innenselbstorganisationen (MSO) sowie Gründungsberatungseinrichtungen.

Um eine bessere Vernetzung der Wirtschafts- und Integrationseinrichtungen sowie MSOs zu fördern, wurden im Projekt MIGOEK Vernetzungstreffen angestoßen und organisiert. Die Veranstaltungen wurden zum Teil gemeinsam mit Gründungsberater*innen dezentral in den Landkreisen durchgeführt.

Der Beitrag geht auf die Bedarfe der Akteursgruppen ein und stellt Umsetzungsmöglichkeiten für neue Netzwerke exemplarisch vor.

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Das Praktikumsnetzwerk für die Westküste
Schröder, Gerd (2020)

Die Bindung junger Menschen an Ihre Heimatregion steht im besonderen Fokus des Verbundprojektes der Kreise Dithmarschen, Nordfriesland, Pinneberg und Steinburg. Im Rahmen eines kommunenübergreifenden Jugendmobilitätskonzeptes wurde ein kreisübergreifendes Praktikumsnetzwerk initiiert und zielgruppenorientierte Schulungsmodule erarbeitet, um Schüler*innen bei der Praktikumssuche zu unterstützen. So können soziale Mobilitätsbarrieren überwunden und der Horizont der Jugendlichen in berufspraktischen, aber auch in sozialen Bereichen erweitert werden.

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Weiterbildung für Berater*innen
Thöle, Lukas / Wagner, Leonie (2020)

Bislang gibt es keine spezifisch auf die Gruppe der Gründungsberater*innen zugeschnittene Weiterbildung zu interkultureller Kompetenz und Öffnung. Insbesondere in ländlichen Räumen ist jedoch der Bedarf für interkulturelle Sensibilisierung besonders hoch, da es vielen Berater*innen aus verschiedenen Gründen an interkultureller Kompetenz fehlt. Das ist ein Ergebnis des Forschungsprojekts MIGOEK der HAWK Holzminden|Hildesheim|Göttingen.

Als Reaktion darauf entwickelte MIGOEK den Workshop „Vielfalt in der Gründungsberatung“, der die Teilnehmenden bedarfsorientiert für Diversität sensibilisieren und über gute Beratung informieren soll. Auch über das Projektende (06/2020) hinaus soll der Workshop bestehen bleiben und über das Weiterbildungsangebot der HAWK gebucht werden können. Aus den Forschungsergebnissen lassen sich darüber hinaus weitere Bedarfe für spezifische Workshops ableiten.

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Potenzial für die wirtschaftliche Entwicklung
Kaschlik, Anke / Lahner, Jörg / Rüzgar, Mehmet Fatih / Wagner, Leonie (2020)

Migrantische Gründungen besitzen ein großes Potenzial für ländliche Regionen: Menschen mit Migrationshintergrund gründen häufiger, schaffen dadurch Arbeitsplätze und sind damit ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der ländlichen Räume. Dieser Artikel beschreibt, warum dieses Potenzial aus Sicht des Projekts MIGOEK bisher kaum genutzt wird und welche Probleme daraus entstehen.

Um dieser Situation zu begegnen und migrantische Gründungen zu fördern, haben die Mitarbeiter*innen von MIGOEK verschiedene interdisziplinäre Lösungsansätze entwickelt und getestet. Dabei wurde auf Erkenntnisse der Regionalentwicklung, der Wirtschaftsförderung und der Sozialen Arbeit zurückgegriffen. Die entsprechenden Erfahrungen und Schlussfolgerungen des Projektes werden in diesem einführenden Beitrag ebenfalls überblicksartig skizziert.

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Datenbank
Projektteam MIGOEK (2019)

Gründungsberatung im ländlichen Raum erfolgt häufig weder ausgerichtet an spezifischen Bedarfen der Ratsuchenden noch nach einheitlichen Regeln. Dass es auch anders gehen kann, zeigt die Datenbank für Beispiele guter Beratungs- und Unterstützungsangebote der migrantischen Ökonomie. Sie gibt insbesondere Verantwortlichen für Gründungsberatung und Integrationsförderung Anregung und ist Ergebnis einer bundesweiten Internetrecherche (Stand Dezember 2019) mit Beispielen aus ländlichen Regionen und Großstädten sowie von öffentlichen und privaten/zivilgesellschaftlichen Anbieter*innen.

» Beispiele guter Beratungs- und Unterstützungsangebote der migrantischen Ökonomie – Datenbank